Warum und zu welchem Ende eine Offenbach-Edition?


Jenseits der Offenbachiade
Konzert und Kammermusik


Das dringendste Desiderat der Offenbach-Forschung ist die zuverlässige Edition eines repräsentativen Grundstocks seiner Werke. Jede Forschung, die auf musikanalytische, philologische, historisch-soziologische oder biographische Fragestellungen abhebt, leitet ihre Berechtigung letztlich nur aus dem überlieferten Werk ab. Wenn sich bei der Beschäftigung mit dem jeweils einzelnen Werk aber herausstellt, daß die Autorschaft durch unkontrollierte Eingriffe beeinträchtigt ist und die Überlieferungsgeschichte unklar, dann degeneriert das Gesamtœuvre zur diffusen Menge, der keine innere Struktur innewohnt und der auch eine geistige Berechtigung nicht zu eigen ist. Nur aus innerer Struktur - im Sinne konzeptueller Nachvollziehbarkeit - und geistiger Berechtigung - im Sinne zeitübergreifender Relevanz - wird aber die Hinterlassenschaft eines Komponisten zum "kulturellen Erbe", das, kurz gesagt, darin besteht, auf die ewigen Fragen nach dem Wie und Warum der menschlichen Existenz diskussionswürdige, kreative Antworten anzubieten.

Die sogenannten "Offenbachiaden", d.h. das zeitsatirische und gesellschaftskritische Musiktheater aus der Feder Jacques Offenbachs, bilden mit ihrem runden Dutzend Stücken aus der Zeit von 1855 bis 1869, von Ba-Ta-Clan über Orphée aux Enfers, La Belle Hélène, Barbe-Bleue, La Vie parisienne, La Grande-Duchesse de Gérolstein, La Périchole etc. bis zu Les Brigands einen festen Kern "musikdramatischen Vermächtnisses" schlechthin. Sie stellen die musikdramatische Innovation Frankreichs in der Mitte des 19. Jahrhunderts dar. Sie sind die Summe von 200 Jahren französischer opéra-comique und gleichzeitig der Ausgangspunkt des unterhaltenden Musiktheaters in Österreich (Wiener Operette), England (Savoy Opera) und Amerika (klassisches Musical bis zur "American Opera" von Kurt Weill).

Die Offenbachiade ist die einzige wirklich neue musikdramatische Entwicklung in der europäischen Oper der zweiten Jahrhunderthälfte neben dem Wagnerschen Musikdrama, und sie steht zu Wagner und zeitgleichen Tendenzen bei Giuseppe Verdi in einem komplizierten Beziehungsgeflecht.
Angesichts der musikgeschichtlichen Bedeutung, des innermusikalischen Wertes und der szenischen Wirksamkeit der Offenbachschen "opéra-bouffe" ist es mehr als erstaunlich, daß die Grundvoraussetzung für ihre stetige Bühnenpräsenz bisher nicht gegeben ist. Ich möchte der Kürze halber hier wiederholen, was ich an anderer Stelle geschrieben habe: "Man muß ... dafür sorgen, daß wissenschaftlich abgesicherte Notentexte der entscheidenden Bühnenwerke Offenbachs veröffentlicht werden. ... Erst dann hat die Musikwissenschaft jenes Material in Händen, anhand dessen sie seriöse Aussagen über Offenbach machen kann. Ansonsten wird sein Schaffen für sie weiterhin ein leutselig belächeltes Mauerblümchendasein fristen. Und nur mit abgesichertem Notentext in Händen können am Theater Dirigenten und Regisseure authentisches Musiktheater á la Offenbach machen, das anrührt und begeistert. Mit vermurksten Bearbeitungen aus dritter und vierter Hand, mit den in Generationen zusammengeschwindelten Schlampigkeiten lässt sich in der Tat 'kein Staat machen', und die Dramaturgen unserer Theater haben Recht, wenn sie um Offenbachs Werke in solcher Gestalt einen großen Bogen machen!" Und ich habe damals hinzugefügt: "Das Gewissen unserer Verlage muß diesbezüglich in völlig neuer Weise geschärft werden, auch das der verdienten Firma Bote & Bock in Berlin, die als Offenbachs deutscher Verleger komplettes historisches Aufführungsmaterial seltener Werke archiviert hat..."

Es ist mehr als erfreulich, daß eben dieser Verlag, nunmehr unter dem Dach eines Weltkonzerns wie Boosey & Hawkes, sich der oben skizzierten Aufgabe stellt und seine Ressourcen auswertet. Um es noch einmal zu verdeutlichen: Nur eine zuverlässige Edition macht die Offenbachiade zum seriösen Forschungsgegenstand, nur eine zuverlässige Edition garantiert eine fest verankerte Bühnenpräsenz der genannten Stücke.

Jenseits der Offenbachiade

Mit der Offenbachiade ist aber nur ein Segment aus dem Schaffen des Komponisten, wenn auch ein besonders überragendes, berührt. Eine Edition wie die OEK will aber noch mehr: Sie will appetitanregend wirken, indem sie weitere Werke verfügbar macht und sagt: "Seht her, auch das gibt es noch. Hättet ihr nicht Lust ...?"

Dies würde der Forschung ermöglichen:
- durch die Kenntnis der anderen Opern (von den Rheinnixen zu Fantasio) zu zeigen, wie wenig isoliert im Gesamtschaffen Offenbachs Les Contes d´Hoffmann sind, wie immer wieder behauptet worden ist;
- durch die Kenntnis etwa der nach dem Krieg von 1870/71 entstandenen opéras-comiques (von La Jolie parfumeuse bis Madame Favart, La Fille du tambour-major und Belle Lurette) deutlich zu machen, daß die landläufig und meist leichtfertig "Operette" genannte Gattung in wichtigen Spielarten in der Tat die "moderne komische Oper" (nach deren eigentlichem Ende) war;
- durch die Kenntnis der Féerien (wie Le Roi Carotte oder Le Voyage dans la lune) wichtige Aufschlüsse zu gewinnen über Traditionsstränge des Genres "Operette" in Frankreich bis zu dessen Spätausläufern nach dem Zweiten Weltkrieg;
- durch die Kenntnis verschiedener Fassungen bekannter und unbekannter Werke Einblick zu gewinnen in Schaffensprozesse, Werkverständnis, veränderte Publikumserwartungen etc.
Und dies bedeutet für die Theaterpraxis:
- Die Bereitstellung hervorragender Bühnenmusiken abseits der breitgetretenen Pfade, deren Qualität keinen Zweifel aufkommen läßt und daher das Risiko für Intendanten und Dramaturgen erfreulich niedrig hält. Dies gilt, neben den oben erwähnten opéras-comiques, besonders für "Semi-Offenbachiaden" wie Madame l'Archiduc, für melodienglänzende kleinere (Les Bavards, Coscoletto) und größere Spielopern (Les Bergers).
- Den Zugriff auf eine Fülle von Einaktern für kleine Bühnen, Kellertheater, freie Kunstszene etc., die mit einfachen Mitteln und kleinen Apparaten ein Maximum an Wirkung hervorrufen wollen, ob man diese Wirkung nun im Drastisch-Komischen (Les Deux Aveugles), im Anrührenden (La Chanson de Fortunio) oder im übermütig Spielfreudigen (Monsieur Choufleuri restera chez lui le...) sucht.

Konzert und Kammermusik

Darüber hinaus soll man bei Offenbach nicht immer nur von der Theaterpraxis reden, wenn sie auch im Mittelpunkt seines Schaffens steht. Aber mit seinen Liedern und Kammermusiken (etwa den Cello-Duetten) lassen sich anregende, spannende Abende bestreiten, wie genügend Versuche gerade in den letzten Jahren bewiesen haben. Ein so glänzend geschriebenes und orchestriertes Stück wie die Schüler-Polka gereicht jedem Neujahrskonzert zur Zierde. Die beiden Cellokonzerte, die Ouvertüre für großes Orchester etc. sind allemal für Überraschungen in Orchesterkonzerten gut, ganz abgesehen davon, daß jeder am Cello Interessierte an Offenbach heute nicht mehr vorbei kommt.

Ich weiß sehr wohl, daß die Quellenlage rund um Offenbach verzwickt ist (Wo ist das Autograph? Welche Fassung wurde durch Offenbach als "von letzter Hand" autorisiert?), daß sich bei manchem Werk gar Fragen stellen, die mit letzter Sicherheit nie zu beantworten sein werden. Aber durch die übergreifende Zusammenarbeit durch einen französischen Editionsleiter und einen deutschen Verlag unter englischem Dach, durch einen international besetzten Beraterkreis ist gewährleistet, daß das bestmögliche Material kompetent erarbeitet wird. Moderne Drucktechnik macht es möglich, eventuelle, ja wahrscheinliche Ergänzungen zu vorhandenen Bänden nachzuliefern. Wollte man auf den Zeitpunkt einer idealen Quellenlage warten, könnte man warten bis zum Jüngsten Tag. Ich habe noch den ermutigenden Satz von Prof. Ernst Märzendorfer bei einem Expertentreff 1997 in Frankfurt/M. im Ohr, das sich mit Forschungs- und Editionsdesideraten beschäftigte. Der Satz, in die Runde der Wissenschaftler, Archivare und Verlagsvertreter gesprochen, lautete: "Fangen Sie an!"

© Peter Hawig. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig.

Peter Hawig, langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter der deutschen Offenbach-Gesellschaft in Bad Ems, ist Herausgeber eines 1999 erschienenen Bandes mit Aufsätzen zu grundlegenden Themen der Offenbach-Forschung.